Henrietta Pazzo im Interview
29. Jan 2006 von Christoph Kaufmann
Henrietta Pazzo war eine der ersten AutorInnen bei beam-ebooks.de und hat inzwischen sechs Kriminalromane veröffentlicht, die alle sehr erfolgreich sind.
Trotzdem wissen auch wir nicht wer sich hinter diesem Pseudonym verbirgt. Um so mehr freuen wir uns im folgenden Interview etwas mehr über sie erfahren zu können.
Warum schreiben Sie unter Pseudonym?
Dafür gibt es zwei gute Gründe.
Zum Einen glaube ich, dass die Kenntnis um den Autor vom Buch ablenkt. Man spiegelt beim Lesen seine eigenen Vorurteile über Männer/Frauen, Arme/Reiche, Deutsche oder Ausländer in den Text und versucht sich selbst darin zu bestätigen. Das ist menschlich. Lenkt aber vom Eigentlichen ab.
Zum Zweiten schreibe ich unter Pseudonym, weil es die Menschen aus meinen Krimis wirklich gibt. Es gibt den liebenswerten Bruno, die emsige Frau Klammer und auch Barbara und Jan Manott. Sie sind meiner Umgebung “entliehen”. Selbst die Mörder und ihre Opfer leben um mich herum. Deshalb weiß niemand aus meinem persönlichen Umfeld von meiner “tödlichen” Leidenschaft. Freunde und Nachbarn finden es nicht lustig, wenn man ihre kleinen Schwächen und Fehler beobachtet und am Ende ein Opfer oder schlimmer einen Mörder aus ihnen macht. Ganz zu schweigen von all jenen, die beleidigt wären, weil sie sich missverstanden fühlen oder solchen, die sich fragen, warum sie nicht in meinen Romanen vorkommen. 
Wie kamen Sie ausgerechnet zu diesem Pseudonym?
Ganz einfach: “Henrietta” ist der Name meiner Großmutter. Als Mensch war sie diese explosive Mischung aus Drachen und Mutter Theresa. Ich fand das immer sehr inspirierend. Und “Pazzo” bedeutet im Italienischen soviel wie “verrückt”. Das spricht für sich …
Was unterscheidet für Sie einen guten von einem schlechten Krimi?
Wenn der Leser schon auf Seite 3 mehr weiß als der Autor und wenn am Ende der Geschichte alles genauso kommt, wie man es erwartet hat, dann war das ein lausiger Krimi. In einem guten Krimi ist der Autor dem Leser immer einen Tick voraus, und es passiert gerade dann, wenn man meint die Zusammenhänge zu erkennen, etwas Unerwartetes.
Außerdem müssen Logik und Tempo stimmen. Wenn man als Leser nicht mehr nachvollziehen kann wann, wer, warum, wen umgebracht hat, ist man frustriert. Nichts nervt mehr als die seitenlange Beschreibung von lavendeligen Sommer-Landschaften rund um das Opfer.
Besonders ärgerlich finde ich außerdem Kriminalromane, in denen der Autor plötzlich auf der vorletzten Seite einen entfernten Onkel aus Neuseeland aus dem Hut zaubert und mit konstruiertem Tathergang und nicht nachvollziehbaren Motiven den Fall ganz für sich alleine löst. Aber mein Herz hängt an den Krimis, bei denen der Autor schlauer, fantasievoller, skrupelloser und vielleicht ein bisschen perfider war als ich. Wenn ich anfangs den Zusammenhang verschiedener Handlungsstränge nicht erkennen kann und wenn ich am Ende das Buch weglege und sage: “Donnerwetter, da wäre nicht mal ich drauf gekommen”. Dann war das ein wirklich guter Krimi.
Wo finden Sie die Ideen für Ihre Krimis?
Ich gucke sie der Wirklichkeit ab. Beispielsweise fahre ich zwei Monate im Jahr auf eine Nordsee-Insel. Da haben Sie das ganze Universum der menschlichen Zusammenhänge auf ein paar Quadratmetern geballt zusammen. Angst, Liebe, Frust, Leidenschaft, Glück, Verzweiflung, einfach alles. Sie müssen sich nur in ein Cafe setzen und sich die Menschen um Sie herum genau ansehen und ihren Worten lauschen. Dann stellen Sie sich vor, wie deren Geschichten weitergehen könnten. Und plötzlich sind Sie mitten drin im “Mord und Totschlag”.
Und warum schreiben Sie ausgerechnet Krimis?
Weil jeden Menschen im Verlauf seines Lebens oft nur der Hauch eines Zufalls von einem Mord trennt. Ich glaube ganz fest, dass wenn nur genügend schreckliche Schicksalsfügungen zusammentreffen und dann im falschen Moment das Falsche gesagt oder getan wird, jeder Mensch Motive für eine Verzweiflungstat entwickeln könnte. Deshalb sind unter meinen Mördern oft sehr sympathische Menschen. Manchmal sehe ich eine nette alte Dame und denke: Was könnte gerade sie so aus der Fassung bringen, dass sie ihren Glauben, ihre Wertvorstellungen und ihre Moral vergisst und das Unfassbare tut? Und schon arbeite ich an einem neuen Roman.
Haben Sie einen Lieblingskrimi?
Von Magdalen Nabb “Tod eines Engländers”. Ein sehr bewegendes Buch. Die Lösung ist einfach, naheliegend und sehr schmerzvoll. Wirklich gut.
Gibt es etwas Privates, das sie über sich verraten?
Ich bin verheiratet und liebe einen Menschen, der seit Jahren meine Verrücktheiten und Marotten mit seiner liebenswerten Großzügigkeit und humorvollen Toleranz erträgt. Ich hatte unverdientes Glück. Mehr verrate ich nicht.
Die Romane von Henrietta Pazzo sind als eBook und teilweise auch als Taschenbuch erhältlich.

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